„Die Maßnahme“ – Brechts wohl umstrittenstes Werk

Der Inhalt der „Maßnahme“ galt in der Weimarer Republik ebenso wie später in Nachkriegsdeutschland als Skandal. Er rechtfertige politische Gewalt, wurde Brecht nachgesagt, schlimmer noch: Der Kommunist Brecht befürworte den Mord aus ideologischen Gründen und damit auch die stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion. Brecht selbst sperrte das Stück für die Aufführung – in seinen Augen rief es zu viele moralische Entrüstung hervor, die der Sache nicht diene. Außerdem sei das Stück nie für die Aufführung, sondern nur als Lehrstück für Schauspieler gedacht gewesen. Nach Brechts Tod war es Helene Waigel, die eine Aufführung nicht erlaubte – erst in den späten 60er-Jahren gab es eine erste Wiederaufnahme in München.

Für Brecht war die „Maßnahme“ dennoch ein äußerst wichtiges Stück. Zum ersten Mal arbeitete er mit dem Komponisten Hanns Eisler zusammen, der bis dahin vor allem durch Arbeiterlieder bekannt war. Die Uraufführung der „Maßnahme“ war deshalb nicht nur eine Demonstration des neuen, von Brecht „erfundenen“ epischen Theaters, sondern auch des Selbstbewusstseins der linken Arbeiterschaft und deren Bemühungen um eine eigenständige, nicht- oder antibürgerliche Kultur: Eisler stellte einen 400 Mann starker Arbeiterchor auf die Bühne, der – zeitgenössischen Berichten zufolge – die nicht einfach umzusetzenden und für die damalige Zeit sehr neuartigen Komposition Eislers hervorragend umsetzte.

Die Aufführungen wurden von den Nazis gestört

Bei der Bewertung des Stücks ist es unerlässlich, auch die Zeitumstände zu beachten. Nicht nur Brecht und die Kommunisten diskutierten in den 20er- und 30er-Jahren den Widerspruch zwischen den Ansprüchen und Rechten des Individuums und der gesellschaftlichen Massenorganisationen der Zeit. „Die Maßnahme“ entstand, während in Deutschland die braunen Horden marschierten und Hitler offen die Macht an sich zu reißen begann –  mit einem politischen Programm, später einer faschistischen Praxis, in der das Individuum keine Rolle mehr spielte. Am heftigsten wurden die Nazis von den Kommunisten bekämpft – die dabei auch die größten Verluste erlitten. Über die Strategien dieses Widerstands diskutierten nicht nur die deutschen Kommunisten, sondern alle linken Parteien Europas, die wenige Jahre später ebenfalls in heftige Kämpfe verwickelt waren, etwa im spanischen Bürgerkrieg.

Viele der damals diskutierten Argumente kann man heute nur noch aus historischer Perspektive nachvollziehen – die brutalen Kämpfe hatten nicht zuletzt auch eine Brutalisierung der Ideologie zur Folge. Auch Brecht und die „Maßnahme“ waren Opfer der politischen Katastrophe in Deutschland: Schon vor Hitlers Machtübernahme wurde die Aufführung von Polizei und Nazis gestört, später verboten, wurden Schauspieler und Regisseure verhaftet. Brecht selbst floh 1933 – einen Tag nach dem Reichstagsbrand – vor den Nazis nach Dänemark und von dort aus durch die halbe Welt. Er sollte erst 15 Jahre später wieder deutschen Boden betreten.

 

 

 

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