Olivier Messiaen im MAN-Musem, Steve Reich im „tim“

Wer Neue Musik mag, der kann am kommenden Sonntag auf großartige Weise auf seine Kosten kommen. Schon vormittags um elf Uhr findet das 1. Kammerkonzert der Augburger Philharmoniker statt – und zwar an einem suggestiven, für moderne Musik großartig geeigneten Ort: Im MAN-Museum, inmitten großer Maschinen, wird Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ gespielt. Am Abend geht’s dann in einer ebenso hervorragend geeigneten Location weiter: Im Textilmuseum wird die „Music for 18 Musicians“ von Steve Reich gespielt, begleitet von einer Tanz-Choreografie und visuellen Kompositionen von „Lab Binaer“. 

Messiaens Quartett für das Ende der Zeit ist ein Werk in acht Sätzen für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier. Der Komponist (1908-1992) hat dieses Werk in Deutschland vollendet – in Görlitz, im deutschen Kriegsgefangenenlager. Dort wurde in den Waschräumen geprobt, die ungewöhnliche Instrumentierung ergab sich aus den im Lager verfügbaren Musikern. Die Uraufführung fand im Lager am 15. Januar 1941 vor ca. 400 Kriegsgefangenen statt, der Komponist selbst spielte Klavier. Im Juni zuvor hatte Messiaen, schon damals Gefangener der Deutschen, „Abgrund der Vögel“, geschrieben, ein Solowerk für Klarinette. In Görlitz fügte er weitere Sätze hinzu und schuf so das „Quartett für das Ende der Zeit“.

«Unser Verlangen nach Licht, nach den Sternen und Regenbögen»

Messiaen erläutert den Titel durch eine Widmung an „jenen Engel der Offenbarung, der, die Hände zum Himmel erhoben, das Ende jeglicher Zeit verkündet“, und konkretisiert im Vorwort den Zusammenhang der Komposition: „Die musikalische Sprache ist im Wesentlichen körperlos, geistig, katholisch. Die thematischen Motive, die melodisch und harmonisch eine Art tonale Allgegenwart ergeben, bringen den Hörer der Ewigkeit in Raum und Unendlichkeit näher. Besondere Rhythmen tragen nachdrücklich dazu bei, das Zeitliche in die Ferne zu rücken.“ Die Vögel, die über dem Abgrund kreisen, bevor der Engel auftritt, symbolisieren laut Messiaen „das Gegenteil der Zeit“, sie sind „unser Verlangen nach Licht, nach den Sternen und Regenbögen!“- ein ebenso poetischer wie komplexer Zugang zu diesem Werk, das mitunter einfach atemberaubend schön ist. Es dauert etwa 50 Minuten.

Ein «Geburtstagsständchen» für Steve Reich

Zur selben Zeit, ebenfalls am Sonntagvormittag um elf, wird im „tim“ Steve Reichs „Music for 18 Musicians“ gespielt. Das ist aber kein Problem für Neue-Musik-Fans, die beide Konzerte hören wollen: Glücklicherweise findet um 19.30 Uhr eine Wiederholung statt. Anlass des Konzerts ist – neben Reichs meditativer, rhythmischer und deshalb äußerst mitreißender Musik – ein runder Geburtstag des Komponisten: er ist am 3. Oktober achtzig geworden. Im ausgewählten Stück (Konzeption: Ute Legner, Iris Lichtinger, Wolfram Oettl) spielt unter anderem der Atem eine wichtige Rolle: Die Klarinetten wie die Sänger bringen die Komposition zum „Pulsieren.“ „Es gibt nur eine Handvoll lebender Komponisten, die legitimer Weise für sich beanspruchen können, die Wegrichtung der Musikgeschichte verändert zu haben – Steve Reich ist einer von ihnen“, schrieb der  Londoner „Guardian“ über Reich, der andernorts als „Musik-Ikone des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wird.

David Bowie zählte das Stück zu seinen 25 Top-Alben

Wikipedia verdanke ich die Zusatzinformation, David Bowie habe das Werk 2003 in die Liste seiner 25 Lieblings-Alben aufgenommen und es als „balinesische Gamelan-Musik, verkleidet als Minimalismus“ bezeichnet. Begleitend zum Stück haben sich die „visuellen Künstler“ von Lab Binaer – dem Augsburger „Labor für Medienkunst“ – sowie die Choreographinnen Ema Kawaguchi und Magdalena Oettl mit Teilen des Stücks auseinandergesetzt. Sie bereichern die Abendaufführung mit ihren Interpretationen. Das Vormittagskonzert dagegen ist rein musikalisch, und wer mag, kann ein Doppelticket für beide Konzerte buchen. Dagegen spricht aber, dass ja um elf Uhr auch noch – sie oben. Für beide  Steve-Reich-Konzerte findet übrigens 45 Minuten vorher eine Werkeinführung statt.

Olivier Messiaen: „Quatour pour le fin du temps“ bei Youtube
Steve Reich: „Music for 18 Musicians“ bei Youtube

Steve Reich

im Textilmuseum, Provinostr. 46
Sonntag, 27.11. 2016, 11 Uhr (ohne Tanz & Visuals) / 19.30 Uhr (mit Tanz & Visuals)
Einführung jeweils 45 Minuten vor Beginn
Eintritt: € 15,–/€ 12,– (erm.); Doppelticket für beide Konzerte: € 25,–/€ 20,– (erm.)
Kartenreservierung: info@mehrmusik-augsburg.de
Kartenvorverkauf: tim-Museumskasse, Tel. 0821 – 810 015 26
Info: www.mehrmusik-augsburg.de

Olivier Messiaen

im MAN-Museum, Heinrich-von-Buz-Straße 28
Karten: Besucherservice des Theaters Augsburg und Abendkasse
Info: www.theater-augsburg.de

Und hier noch ein Text, den ich vor vielen Jahren über ein Mehr-Musik-Konzert im MAN-Museum geschrieben habe:

„Babylon“ – der Beginn der Verständigung